Steuersparen wie Boris und Co.: Was macht die Schweiz so attraktiv BR | 30.09.2003 | 21:55 In dieser Woche legt der bekannte Steuerrechtler Prof. Kirchhof der Politik seinen radikalen Entwurf zum Umbau des deutschen Steuersystems vor. Manch einer will darauf nicht mehr warten. Boris Becker und Milchkönig Müller sind zwei aktuelle Beispiele für die Übersiedlung in die Schweiz aus steuerlichen Gründen. Was steckt dahinter? Abgabenparadies nur für die Reichen oder überlegenes Steuersystem, von dem wir uns eine Menge abschauen könnten? Die kleine Schweiz ist Magnet für Millionäre, Geldwäscher und Steuerhinterzieher - das sind die großen Klischees. Sie werden immer genährt durch prominente Einwanderer, die vor allem eines mitbringen: Privatvermögen ohne Ende. Das sind beispielsweise Spitzensportler, reiche Erben und Lebemänner, Unternehmerlegenden - viele haben mit den Schweizer Finanzbehörden eine Pauschale vereinbart. Schumis Steuersatz: 2,5 Prozent Beispiel Michael Schumacher: Der Formel-Eins-Pilot muß nach Informationen von Schweizer Medien so gerade mal 2,5 Millionen Franken pro Jahr berappen. Ein Steuersatz von 2,5% - in Deutschland würde Schumi mindestens das 13fache zahlen. Viele Kantone kennen keine Erbschaftssteuer Immer mehr Deutsche Unternehmer wollen ihr betriebliches Vermögen in die Schweiz verlagern, zum Beispiel wegen der Erbschaftsteuer. Sie fällt in den meisten der 26 Kantone überhaupt nicht an, wenn bestimmte Spielregeln beachtet werden. Schweizer Finanzbehörden bleiben zurückhaltend Ob Steuerhöhe, Steuerart oder Steuerbürokratie - erfahrene Berater hören von den alten Firmenchefs immer öfter ein Motiv für Standortflucht aus Deutschland: Planungssicherheit statt Chaos. Prof. Brun-Hagen Hennerkes, ein Experte für Familienunternehmen sagt, die Schweiz biete eben all das, was früher einmal auch die Deutschen stark gemacht habe. Und die steuerliche Situation werde immer attraktiver, inzwischen gebe der Staat sogar eine Steuergarantie über 10 Jahre. Kommunaler Steuerwettbewerb in der Schweiz Steuerwettbewerb ist Schweizer Prinzip. Das gilt auch zwischen Kantonen und Kommunen. Wer zum Beispiel als verheirateter Freiberufler in Kreuzlingen - 150.000 Franken im Jahr zu versteuern hat, zahlt rund 28.000 Franken Einkommenssteuer. Zwei Kilometer entfernt, im benachbarten Bottighofen, sind es nochmal fast 6.000 Franken weniger. Auswanderungsagenturen bedienen mittlerweile eine wachsende Nachfrage von deutschen Selbständigen, aber auch abhängig Beschäftigten. Denn seit Juni vergangenen Jahres ist es für EU-Bürger viel leichter, sich in einem der 26 Schweizer Kantone niederzulassen, wenn sie dem Staat nicht zur Last fallen und ausreichend krankenversichert sind. Höhere Nettolöhne dank geringer Abzüge Schweizer Arbeitgeber können deutsche Qualifizierte mit höheren Gehältern locken, weil ihre Beschäftigten sie brutto trotzdem weniger kosten. Mehr netto in der Tasche - z.B. der Deutsche Hartmut Issel gehört zu den so Umworbenen. Gut ausgebildet wagte er den Sprung in die Züricher UBS-Bank. Ihm machen die hohen Lebenshaltungskosten z.B. für Wohnung oder Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs zu schaffen, doch er muss abwägen, was unter den Strich stärker zählt. Und da ist das Ergebnis für Issel eindeutig. Insgesamt überwiegen die Steuervorteile. Beim Dieseltanken z.B. darf Hartmut Issel sich über Schweizer Beständigkeit freuen. Im öko-und mineralölbesteuerten Deutschland seit 1997 ein Steuerplus von 48,4 %, in der Schweiz blieben die Steuern auf den Treibstoff dagegen unverändert. Steuern werden weiter gesenkt Und noch etwas ist in der Schweiz ganz anders als bei uns. Dem Steuerbürger etwas zurückgeben, ist bindendes Haushaltsrecht der Eidgenossenschaft. Die Folge: statt kommunale Überschüsse etwa in überflüssige Protzbauten oder Schwimmbäder zu versenken, sinken in der Schweiz manchmal sogar die Steuersätze. Beobachter verweisen da insbesondere auf Boris Beckers neue Heimat Zug. Dort fiel im vergangenen Jahr die Einkommensteuer abermals von 6,29 auf sagenhafte 5,10 Prozent. ZEW-Studie: Deutsche Unternehmen doppelt belastet Unternehmen in Deutschland unterliegen nicht nur einer im internationalen Vergleich hohen effektiven Steuerbelastung, sondern haben auch Nachteile im Wettbewerb um hoch qualifizierte Arbeitskräfte. In Deutschland muss ein Arbeitgeber im Jahr fast 200.000 Euro aufwenden, damit ein hoch qualifizierter Arbeitnehmer nach Steuern und Abgaben über ein Einkommen von 100.000 Euro verfügt. In den USA dagegen muss der Arbeitgeber knapp 153.000 Euro aufwenden, damit der Arbeitnehmer nach Steuern und Abgaben das gleiche Einkommen erhält. Die geringsten Aufwendungen hat ein Arbeitgeber in den Schweizer Kantonen Zug und Schwyz mit nicht einmal 130.000 Euro. Dies ist neben der hohen Unternehmenssteuerbelastung ein zusätzlicher Standortnachteil für deutsche Unternehmen im internationalen Wettbewerb um hoch qualifizierte Arbeitnehmer. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim im Auftrag des IBC BAK International Benchmark Club von BAK Basel Economics. Die Studie betrachtet neben der Steuerbelastung in Deutschland und elf Schweizer Kantonen auch die USA (Standort Massachusetts), Großbritannien, Irland, Frankreich, Italien, die Niederlande und Österreich. Die verwendeten Steuerbelastungsindikatoren enthalten sämtliche relevanten Steuerarten, denen Arbeitskräfte mit ihren Einkommen sowie Kapitalgesellschaften mit ihren Gewinnen unterliegen. Verantwortlich für die Effektivbelastungen sind bei hoch qualifizierten Arbeitskräften vor allem die Einkommensteuertarife und die gesetzliche Rentenversicherung. Bei der Unternehmenssteuerbelastung haben die Tarifsteuersätze der Ertragsteuern sowie insbesondere in Frankreich die Substanzsteuern maßgeblichen Einfluss auf die effektive Durchschnittssteuerbelastung. Im internationalen und interregionalen Vergleich zeigt sich, dass die effektive Steuerbelastung von Hochqualifizierten in der Schweiz und den USA am niedrigsten ist. Es folgen Großbritannien, Irland, die Niederlande und Österreich. Die vergleichsweise höchste Belastung weisen Deutschland, Italien und Frankreich auf. Die gemessenen effektiven Steuer- und Abgabenbelastungen variieren sehr stark, wenn man Einkommen unterschiedlicher Höhe unterstellt. Die Rangfolge der vom ZEW analysierten Standorte ändert sich allerdings kaum. Da hoch qualifizierte Arbeitskräfte international mobil sind, konkurrieren Unternehmen weltweit um sie. Deshalb wird in der Studie unterstellt, dass diese Arbeitskräfte in Ländern mit einer höheren Steuer- und Abgabenbelastung von ihren Arbeitgebern höhere Bruttoentgelte fordern, um die hohen Abzüge zu kompensieren. Soweit ihnen das gelingt, verteuert dies die Arbeitskraft dieser Mitarbeiter für die Unternehmen. Da Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Steuer- und Abgabenbelastung zählt, ist dies ein deutlicher Wettbewerbsnachteil, denn Unternehmen in Großbritannien, den USA oder der Schweiz können Hochqualifizierten bei gleichem Bruttogehalt wie in Deutschland ein wesentlich höheres Nettogehalt auszahlen. Auch eine Betrachtung der Unternehmenssteuerbelastung bestätigt dieses Bild: Standorte, die bereits einen steuerlichen Wettbewerbsvorteil bei der Unternehmensbesteuerung aufweisen, verbessern ihre Ausgangsposition im Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen in vielen Fällen noch weiter, wenn zusätzlich die Steuern auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte berücksichtigt werden. Eine bemerkenswerte Ausnahme sind die USA. Dort werden Unternehmen sehr hoch besteuert, hoch qualifizierte Arbeitskräfte hingegen nur mäßig. Das umgekehrte Bild ergibt sich für Irland. Die Iren locken Kapitalgesellschaften mit einem Körperschaftsteuersatz von gerade einmal 12,5 Prozent. Bei der Belastung hoch qualifizierter Arbeitskräfte hingegen sind sie nur im Mittelfeld der untersuchten Standorte zu finden. Für die Ermittlung der Steuerbelastung hoch qualifizierter Arbeitskräfte wurde vom ZEW ein neues Berechnungsmodell entwickelt. Die Unternehmenssteuerbelastungen wurden anhand der international etablierten Methode von Devereux und Griffith ermittelt. Der Aufbau der Studie lässt zwar keinen direkten Vergleich zu, ob die eingesetzte Arbeitskraft insgesamt steuerlich höher oder niedriger als das eingesetzte Kapital belastet ist. Wohl aber lässt sich damit die Attraktivität der einzelnen Standorte für Unternehmen abschätzen. Der IBC BAK International Benchmark Club von BAK Basel Economics hat es sich zum Ziel gesetzt, Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft mit ökonomischen Analysen zu den Stärken und Schwächen der jeweiligen Regionen im Standortwettbewerb zu unterstützen, wozu die vorliegende Studie einen Beitrag leistet. (Quelle: ZEW) Eine Zusammenfassung der Studie ist erhältlich bei: Marc Bros de Puechredon Telefon 0041-61/27997-25 Email puechredon@bakbasel.com (BAK Basel Economics) (Informationen zum "IBC BAK International Benchmark Club®" von BAK Basel Economics) Christina Elschner (ZEW) 0621/1235-162, Email: elschner@zew.de Autoren: Jürgen Seitz und Rolf Bovier BAYERISCHER RUNDFUNK [plusminus Floriansmühlstraße 60 80939 München E-Mail: plusminus@br-online.de Internet: www.daserste.de/plusminus Dieser Text gibt den Fernseh-Beitrag vom 30.09.2003 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.