Meldung in T-Online vom 09.09.2003
Bürokratie: Wildwuchs statt schlanker
Staat?
Von Lars Borchert
Paragraphen-Dschungel, Behörden-Wildwuchs
und Vorschriften-Dickicht - eigentlich hatte die Regierung der
ausufernden Bürokratie den Kampf angesagt. Die scheint aber
mit jeder neuen Reformidee weiter zu wachsen.
Radikalkur gegen den
Bürokratie-Wahn?
Lichtschalter im Pausenraum
Erst in der vergangenen Woche verkündete
das Kabinett stolz, die "Arbeitsstättenverordnung"
von 58 auf 10 Paragraphen gestutzt zu haben. Es gehe nicht an, den
Firmen vorzuschreiben, wo sie Lichtschalter anzubringen haben, und
wie warm es im Pausenraum sein muss, befand Arbeits- und
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement.
Vom Masterplan zum Chaosplan?
Eine Großtat? Wohl eher ein Tropfen auf
den heißen Stein. Einen schlankeren Staat wollte die
Regierung mit ihrem "Masterplan Bürokratieabbau"
schaffen. Der aber droht zum "Chaosplan
Bürokratieausbau" zu werden. Nach Angaben des
"Spiegel" schuf das Kabinett seit 1999 insgesamt 122
Gesetze und 178 Verordnungen mehr, als es abschaffte.
"Vorsicht vor neuen Effizienz-Bremsen"
Auch die Arbeitgeber-Lobby mahnt vor den Folgen des Reformeifers:
"Man muss bei den Gesetzen, die jetzt gemacht werden,
aufpassen, dass nicht wieder neue Bürokratie entsteht",
meint Reinhard Göhner, Geschäftsführer der
Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände. Mit den
geplanten Reformen im Gesundheitswesen, der Gemeindefinanzen und
beim Aufbau der Bundesanstalt für Arbeit drohe nur noch mehr
Bürokratie zu Lasten von Wirtschaft und Bürgern.
Einsparungen in Milliardenhöhe
möglich
Vorschriften-Dickicht und
Behörden-Wildwuchs sind aber nicht nur in Deutschland
problematisch: Die Europäische Union schätzt nach den
Worten von Gerhard Fels, Präsident des Instituts der Deutschen
Wirtschaft (IW), die Kosten durch die Bürokratie in der
Gemeinschaft auf vier bis sechs Prozent des
EU-Bruttoinlandsprodukts. Könnte man nur 15 Prozent davon
durch eine straffere Organisation kürzen, ließen sich
rund 50 Milliarden Euro gewinnen, rechnet er vor. Allein für
Deutschland seien dies gut 15 Milliarden Euro oder 0,75 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts. Geld, das - wenn nicht zum Schuldenabbau -
zur gezielten Förderung und Unterstützung von
Arbeitsplätzen ausgegeben werden könnte.
"Behörden-Motor"
Riester-Rente
"Doch das Beschäftigungswunder, auf
das die Deutschen in wirtschaftlich schwachen Zeiten hoffen,
scheint derzeit nur durch den Aufbau von Bürokratie in Form
von neuen Behörden zu entstehen. In der Tat wurde etwa mit der
Einführung der Riester-Rente eine neue "Zentrale
Zulagenstelle für Altersvermögen" in Brandenburg
errichtet - rund 370 Beschäftigte wurden neu eingestellt. Gut
für den dahinsiechenden Arbeitsmarkt im Osten, teuer für
den Steuerzahler.
800 Mitarbeiter in der Minijob-Zentrale
Auch mit dem Gesetz der
"Geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse"
rief Clement nicht nur die so genannten Minijobs ins Leben, sondern
zugleich eine neue Zentrale für deren Verwaltung: Mehr als 800
Menschen wurden für die auf 14 Etagen und 17.000 Quadratmetern
untergebrachte Minijob-Behörde eingestellt.
Mega-Behörde Arbeitsamt
Zuwachs auch in der Arbeitslosenverwaltung:
Eigentlich sollte die Bundesanstalt für Arbeit - künftig
heißt sie "Bundesagentur" - deutlich abspecken.
Seit die Regierung den Verwaltern der Job-Misere aber auch noch die
Verantwortung für rund eine Million erwerbsfähiger
Sozialhilfeempfänger sowie deren Familien übertragen hat,
sieht die Marschrichtung anders aus: 11.800 Stellen werden neu
geschaffen. Damit wächst die Mega-Behörde auf fast
100.000 Mitarbeiter an.
Unverdrossener Kampf
Dennoch kämpfen Clement und Co.
unverdrossen weiter gegen den deutschen Bürokratie-Dschungel
an: Jetzt hat der Arbeitsminister angekündigt, Bremen,
West-Mecklenburg und Ostwestfalen-Lippe zu
"Innovationsregionen" zu machen, in denen Maßnahmen
zur Entbürokratisierung der Verwaltung getestet werden. Ob
dafür eigens neue Verwaltungen aufgebaut und Gesetze erlassen
werden, gab er jedoch nicht bekannt.